S E L B S T M A N A G E M E N T

Vierter Baustein: Aufbauendes Selbstmanagement und
offenes Beziehungsmanagement

Ohne grundlegendes Vertrauen in uns selbst und unsere Fähigkeiten können wir keine produktive und erfolgreiche Arbeitsleistung erbringen. Unser Wirken ist also über unser ganzes Leben hinweg entscheidend davon abhängig, wie gut wir uns selbst zu stärken vermögen bzw. wieviel Anerkennung wir bei anderen hervorrufen. Dabei ist eine überwiegende Entsprechung zwischen innerem Anspruch und unserem realistischen Wirken sehr wichtig. Auch ein individuell ausgewogenes Verhältnis zwischen eigenen und fremdbestimmten Zielen bestimmt in hohem Maße unsere Selbstzufriedenheit.

1. Durch sensibles Registrieren persönlicher Erfolge und durch weitgehendes Erfolgsdenken ist ein stabiler Selbstaufbau möglich.

Zu einem gezielten Selbstaufbau gehört, persönliche Erfolge überhaupt erst einmal wahrzunehmen und für sich selbst zu verbuchen, d. h. insgesamt die positive Brille für sich selbst aufzusetzen. Für den Lehrer, dessen Erfolge oft recht versteckt in den Menschen selbst liegen,  ist die Selbstbestärkung besonders entscheidend, weil äußere Verstärker zudem noch recht dürftig sind.
Persönliche Erfolge kann man auch erwarten lernen, indem man nach gründlicher Vorbereitung zunächst grundsätzlich von einem weitgehenden Erfolg ausgeht. Man richtet damit seinen Blick auf positive Entwicklungen im Prozess, die zusätzliche Motivationen zur Weiterentwicklung auslösen können. Beim Erwarten negativer Entwicklungen sieht man stärker die ungünstigen Aspekte, die entmutigend wirken.
Um eine insgesamt positive Berufseinstellung zu schaffen, empfiehlt es sich, eine Positivbilanz eigener Berufserlebnisse in Form eines Tagebuches anzulegen, weil die Berufsbeurteilung oft einseitig und stimmungsabhängig erfolgt.

2. Ein fairer und positiver Selbstumgang ergänzt durch individuelle Aufbauformeln ist die Grundlage eines guten Selbstvertrauens.

Da etwa 90% der Selbstgespräche (ca. 3000-5000 pro Tag) sich um bevorzugte Lieblingsthemen ranken, sind negative Selbstzuweisungen ein enorm gewichtiger innerer Stressfaktor, der das Selbstbild systematisch untergräbt. Deshalb sollten die inneren Dialoge unbedingt im wesentlichen positiv gefärbt sein, zumindest fair gestaltet werden. Negative Selbstgespräche sind am besten über Selbstgesprächsprotokolle zu entlarven und so anschließend zu korrigieren, indem ungerechtfertigte Negativanteile rigoros ausgemerzt werden. Positive Umstrukturierungen sollten für den Alltag zusätzlich geübt werden und dann situationsspezifisch angewendet werden.
Selbstgespräche sollten sich ferner nicht mit Altlasten (30% der Lehrer klagen über Schuldgefühle) bzw. mit meist nicht realistischen Vorlasten (Katastrophisierungen) beschäftigen. Solche Grübeleien oder sogar sich gefühlsmäßig schnell verstärkende Gedankenspiralen (70% der Lehrer können schlecht abschalten!) sollten unbedingt über mentale Verfahren durchbrochen und durch realistische Gedankenwelten ersetzt werden. Grundsätzlich heißt das, im Hier und Jetzt zu leben, um seine jeweilige Konzentration auf das Anstehende richten zu können und nicht unnötige Energien für zur Zeit nicht Beeinflussbares zu vergeuden. Bei häufigen Abschaltschwierigkeiten sollte man sich eine so genannte Problembox zulegen, in der Belastendes schriftlich fixiert gesammelt wird, um es dann  zu gegebener Zeit systematisch behandeln zu können. Mentale Entspannungsübungen, aber auch Atemtechniken sind hier besonders hilfreich, um schnelles Abschalten zu fördern und zu erlernen.
Selbstgespräche sollten generell (z.B. morgens beim Aufstehen, abends vor dem Einschlafen) und situationsspezifisch (für bestimmte Problemsituationen formuliert) durch persönlich geprägte Aufbauformeln ergänzt werden. Diese können zusätzlich auf Merkkärtchen fixiert werden, um sie zur regelmäßigen Unterstützung an markanten Stellen aufhängen bzw. mitnehmen zu können.

3. Persönliche Arbeitsschwerpunkte sollten bewusst aufgesucht und mit geeignetem Engagement gefüllt werden. Ein ausgewogenes Verhältnis von Selbst- und Fremdbestimmung ist dabei anzustreben.

Eine besonders intensive Berufszufriedenheit entsteht dann, wenn man persönliche Arbeitsschwerpunkte (Computer-AG, Schulmannschaften, Behindertenintegration, Klippert-Methoden usw.) entwickeln und ggf. mit anderen umsetzen kann. Hier können  individuelle Fähigkeiten oft besonders entfaltet werden. Die Erlebnisse von Erfolg, Anerkennung, aber auch Authentizität werden dann als befriedigend erlebt und führen häufig zu hoher Produktivität.
Insgesamt gilt es, für sich persönlich ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Selbst- und Fremdbestimmung zu finden, d. h. sowohl eigene Schwerpunkte durchzusetzen als auch die Ansprüche von außen im großen und ganzen zu erfüllen, sich aber gegenüber ungerechtfertigten Überforderungen durchzusetzen.

4. Rückmeldungen über das eigene Verhalten im Umgang mit Schülern, Eltern und Kollegen sollten regelmäßig bewusst eingeholt werden.

Der Umgang mit derart vielen Menschen unterschiedlicher Alters-, Bildungs- und oft auch Kulturbereiche erfordert eine überaus große Anpassungs- und Einfühlungsfähigkeit. Um die Angemessenheit des eigenen Verhaltens wenigstens grob einschätzen zu können, empfiehlt es sich, regelmäßig möglichst ehrliche Rückmeldungen über das eigene Wirken einzuholen und Veränderungen bewusst anzustreben.

5. Wiederkehrende, stark belastende Berufsprobleme mit starken Stressreaktionen sollten systematisch bearbeitet und stufenweise ggf. mit Außenhilfe aktiv verändert werden.

Berufsschwierigkeiten sollten grundsätzlich als lösbare Herausforderungen gesehen werden und frühzeitig und professionell einer systematischen Problemlösung unterzogen werden. Hier bieten sich geordnete, schriftliche Verfahren am besten in einem Berufsteam an mit den Phasen einer Analyse, eines intensiven Brainstormings, Entscheidungsfindung und einer Erprobung mit Handlungsplan. Eine sich anschließende Reflexion entscheidet über weitere Schritte.

6. Grundsätzliche Selbst- und Fremdakzeptanz im täglichen Umgang mit Schülern und Kollegen kann Verständnis- und Konfliktlösungsprozesse fördern.

Da man im Lehrerberuf stets als ganze Persönlichkeit gefordert wird, ist es wichtig, ständig in Kontakt mit seinen eigenen Einstellungen, Wünschen und Gefühlen zu bleiben und diese zunächst beobachtend zu akzeptieren (Selbstakzeptanz) und auch ggf. in angemessener Weise zu äußern. So können Affektstaus vermieden werden und frühzeitig sinnvolle Maßnahmen und Veränderungen im Berufsfeld angegangen werden. Als kommunikative Grundlage sollte eine nicht verletzende Sprache mit Ich-Botschaften verwendet werden.
Um in einem emotional befriedigenden Umfeld arbeiten zu können, ist es nötig, Schüler und Kollegen mit einer Sprache der Annahme, die eine grundsätzliche Achtung und Fremdakzeptanz des Gegenübers über aktives Zuhören ohne Bewertung beinhaltet, zu begegnen. Die Arbeitsatmosphäre kann durch niederschwelliges Loben und bewusste Wertschätzung bei ehrlicher und sofortiger Rückmeldung für alle deutlich verbessert werden.
Berufsprobleme sollten offen und regelmäßig besprochen werden, um gegenseitige Unterstützung zu fördern oder überhaupt erst zu ermöglichen. Es ist sehr wichtig, Konflikte frühzeitig zu besprechen, damit sie nicht zu Verdrängungs- und damit Eskalationsprozessen (Mobbing) führen können, die die Produktivität und Arbeitszufriedenheit in hohem Maße beeinträchtigen können. Problemfelder sollten systematisch ggf. unter Mithilfe allparteilicher Vermittler (Mediatoren) über Konsensentscheidungen gelöst werden.

Weitere Übungen, Aufgaben, Überlegungen...

Selbstgespräche kontrollieren und verbessern

Selbstgespräche zunächst exemplarisch protokollieren, negative/ungerechtfertigte Anteile streichen und positiv umformulieren


positive, unterstützende Formeln aufstellen und an wesentlichen Punkten postieren, Formeln ins regelmäßige Entspannungstraining einarbeiten


Selbstaufmunterungen und wertvolle Selbstinstruktionen bei gegebenem Anlaß (Konfliktfall, Prüfung) einsetzen, Interventionen und Zeitpunkte vorher trainieren und festsetzen


Umstrukturierungen bei innerer, unerwünscht starker Erregung (Wut, Angst, Panik) vornehmen, Humor entwickeln und kultivieren

Eigene Meinungen, Gefühle und Wünsche wichtig nehmen

persönliche Reaktionen auf Ereignisse feinfühlig registrieren, ernstnehmen, äußern, besprechen, Problematiken nicht verharmlosen, katastrophisieren, verlagern oder verdrängen, sondern sinnvolle und rechtzeitige Lösungen suchen


im "Jetzt" leben; sich nicht mit gefühlsmäßigen "Altlasten" oder möglichen zukünftigen Problemen herumschlagen; sie stellen hohe zusätzliche Belastungsquote dar, "alte Geschichten" aufarbeiten und dann endgültig loslassen

Erfolgsorientierung anstreben

Eine positive Erwartung begünstigt generell die Arbeitsmotivation, unterstützt die tatsächlichen beruflichen Aktivitäten und verbessert eine sachliche Analysearbeit.


Mißerfolgserwartungen grundsätzlich nicht zulassen, ggf. Anspruchsniveau senken und Zielvorstellungen revidieren, aber an sich und seine Kompetenz glauben


gute Arbeitsergebnisse registrieren und als persönlichen Erfolg verbuchen, auskosten


Mißerfolge nicht überbewerten, als Herausforderung empfinden, neue Lösungswege beschreiten und ausprobieren, kein Selbstmitleid und mit sich hadern zulassen, Unterstützung im Team suchen

 

Offene, partnerschaftliche Kommunikationen herstellen

grundsätzliche Voraussetzungen für Interaktionsstärke sind: Selbstakzeptanz (eigene Stärken und Schwächen realistisch beurteilen), Einfühlung und Äußerung der eigenen Befindlichkeit bzw. Meinung/Erfahrung (Echtheit) sowie eine grundsätzliche Fremdakzeptanz, d.h. den anderen mit seinen jeweiligen Beweggründen so sein lassen können


aktives Zuhören durch offene Haltung, Blickkontakt, Kopfnicken und  Wiederholen der Partneräußerung (Spiegeln) signalisieren


sofortige Bewertung/Beurteilung der Äußerungen des Gegenübers unbedingt vermeiden, besser: Aussagen über eigene Wirkungen darstellen, sich auf tatsächliche Wahrnehmungen stützen und keine Negativwertung des anderen phantasieren oder vorwegnehmen


keine versteckte Kommunikation über Dritte vorziehen, direkte Ansprache wählen und dort auf eigene Erfahrungen vertrauen, Risiken und Konflikte ggf. einkalkulieren

Systematische Konfliktbewältigung trainieren

Katastrophisierungen und negative Selbstbeeinflussungen insbesondere bei der unmittelbaren Bewältigung vermeiden, Relativierungen und Umbewertungen des Problems ggf. vornehmen, Eigenverantwortlichkeiten nicht überbewerten, humorvolle und positive Aspekte mitbedenken


unmittelbare oder nachträgliche  betont sachliche Analyse des Problems, Handlungsalternativen zunächst zu Hauptproblemen eventuell im Team entwickeln und diskutieren, Festlegung  realistischer  Strategien bevorzugt mit schriftlicher Fixierung, Interventionszeitpunkte überlegen


Umsetzung in das reale Problem mit entspr. Interventionen, eventuell Festhalten über Protokoll oder Video


nachträgliche Analyse und ggf. Revision; positive Lösungsansätze als persönliche Erfolge verbuchen

Persönliche Reifungsprozesse als hohen inneren Gewinn werten

durch Dynamik des pädagogischen Prozesses und ständige Bewertung viele Impulse und Herausforderungen zur Weiterentwicklung der eigenen Lehrerpersönlichkeit


Sicherheit durch vielfältige Übungsmöglichkeiten bei zwischenmenschlichen Kontakten und Anforderungen


Freude und oftmals innere Befriedigung durch verschiedenartige Impulse und Anteile bei der Menschenbildung zukünftiger Generationen

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