Einstellungskorrektur

Vielen Stressproblemen liegen unangemessene Bewertungen zu Grunde, die keine realistische Grundlage haben. Sie erzeugen damit immer wieder ähnlich gelagerte Stressproblematiken, aus denen die Beteiligten nur schwer selbst einen Ausweg finden, weil ihnen die Unangemessenheit ihrer Beurteilungen nicht bewusst ist.

Unangemessene Bewertungen entstehen durch absolute Forderungen im Rahmen von:

  • Sozialisationsbedingungen, indem unrealistische Anforderungen für das Kind als Richtschnur gelten, wie z.B.   ?Du musst dich immer freundlich und anpassungsfähig benehmen.? ?Du musst von allen gemocht werden.?
  • Selbstzuweisungen und Selbsteinredungen, die sich auf wesentliche Erfahrungen in der Lebensgeschichte beziehen und zu unverrückbaren Generalisierungen geworden sind. (?Ich schaffe das sowieso nicht.?)

  • Fehlinterpretationen von Ereignissen und Erfahrungen in der Lebensgeschichte, die generalisiert werden (?Ich kann nicht mit solchen Menschen umgehen.? ?Ich kann nichts dagegen unternehmen.?)

Man kennt nun typische stressfördernde Grundeinstellungen, die immer wieder Stress begünstigen und auch ohne erkennbare äußere Auslöser zu Stress führen:

Stressfördernde Grundeinstellungen

  • Man muß von praktisch jeder anderen Person geliebt werden. (Es allen recht machen wollen!)
  • Man ist nur dann wertvoll, wenn man in jeder Hinsicht kompetent, tüchtig und leistungsfähig ist. (Perfektionismus, Erfüllung hochgesteckter Ziele und Ideale).
  • Man muß für andere mehr sorgen als für sich selbst. (Helfersyndrom, Selbstaufopferung)
  • Bestimmte Menschen sind von Grund auf schlecht und dementsprechend zu behandeln.
  • Es ist katastrophal, wenn die Dinge nicht so laufen, wie man sie haben möchte.
  • Man hat grundsätzlich wenig Einfluß auf seine persönlichen Leiden (Opferhaltung, reaktive Grundhaltung).
  • Man macht sich über tatsächliche oder besonders eingebildete Gefahren große Sorgen und befasst sich ständig mit der Möglichkeit des Eintretens.
  • Es ist leichter Schwierigkeiten auszuweichen, als sich ihnen zu stellen.
  • Man sollte sich auf andere verlassen, und man braucht einen Stärkeren, auf den man sich stützen kann.
  • Die eigene Vergangenheit hat entscheidenden Einfluß auf das gegenwärtige Verhalten. Änderungsmöglichkeiten sind gering.
  • Man neigt besonders bei eigenen Problemen dazu, sich über andere aufzuregen.
  • Für jedes menschliche Problem gibt es eine perfekte Lösung. Es ist katastrophal, wenn man sie nicht findet.

Diese Grundeinstellungen sind sehr manifeste, über Jahre oder Jahrzehnte bestehende Denkgewohnheiten, die nur schwer änderbar sind. Dennoch gibt es Wege und Möglichkeiten, sich diese Denkweisen bewusst zu machen und auf eine realistischere Basis hin zu verändern.

Einen möglichen Veränderungsweg wollen wir Ihnen hier darstellen. Allerdings sind diese oft grundlegenden Änderungen, die oft auf innere Widerstände stoßen, häufig nur mit viel Beharrlichkeit oder mit Außenhilfe (Psychotherapie, Selbsthilfegruppe, Seminarhilfe, Supervision usw.) lösbar.

Wege zur Einstellungsveränderung

Beschreibung der Stresssituation:

Schreiben Sie zunächst eine oder mehrere typische Stresssituationen auf, in denen Sie starke Stressreaktionen zeigen und die Ihnen in ähnlicher Weise immer wieder widerfahren.

Bewertung des Stresspegels:

Bewerten Sie nun auf einer Skala von 1-10 (10=stärkster Stress, 1=schwacher Stress), wie sehr Sie die genannten Situationen tangieren.

Extrembewertung:

Versuchen Sie nun herauszufinden, was Ihnen genau bei dieser Situation durch den Kopf geht und schreiben Sie diese ?geheimen? Selbstgespräche möglichst genau auf.

Realistische Überprüfung der Bewertung:

Überprüfen Sie nun in einem nächsten Schritt, inwiefern die genannten Bewertungen der Realität entsprechen. Kommt es wirklich zu den befürchteten Konsequenzen? Sind die genannten Ängste realistisch? Bedeutet es mir wirklich soviel? Was steht für mich dahinter? Was könnte schlimmstenfalls passieren? Diskutieren Sie diese Überlegungen möglichst mit Außenstehenden, vergleichen Sie mit der Bewertung anderer. Suchen Sie Distanz zu eigenen Bewertungsmaßstäben und -strukturen.

Formulierung neuer, realistischer Bewertungen:

Schreiben Sie nun neue Bewertungsmöglichkeiten auf und unterstreichen Sie die, die für Sie am ehesten in Frage kommt. Schreiben Sie diese angemessene Bewertung auf einige Merkkärtchen und fertigen Sie sich Merkpunkte an. Lernen Sie Ihre neuen Bewertungen auswendig und wiederholen sie diese. Kleben Sie die Merkpunkte oder -kärtchen dort an, wo Ihre Stresssituationen häufig auftritt.

Erproben angemessener Bewertung in der Realität:

Eventuell mit mentaler Vorübung wenden Sie Ihre neue Bewertung nun in einer realen Stresssituation an. Wiederholen Sie immer wieder ihre neue Bewertung oder lesen Sie sie ab. Üben Sie so oft wie möglich, denn anfangs werden sich alte Gefühle einstellen, die nicht unbedingt zu der neuen Bewertung passen. Erst mit der Zeit werden Sie das Gefühl haben, dass Sie die neue Bewertung auch wirklich innerlich übernommen haben und entsprechend reagieren.

Reflexion:

Reflektieren Sie die Wirkung Ihrer neuen Bewertungen. Ggf. möchten Sie vielleicht Ihre neue Bewertung noch modifizieren oder verändern. Experimentieren Sie, bis Sie wirklich Passendes gefunden haben, was Ihnen unnötigen Stress erspart. Es lohnt sich.