Thesen zur L E H R E R B E L A S T U N G

Diese Seite ist eine Zusammenstellung aus:

Rothland, M. (Hrsg.), Belastung und Beanspruchung im Lehrerberuf
Modelle, Befunde, Interventionen; Wiesbaden 2007

Rothland, M., Terhart, E.: Beruf: Lehrer - Arbeitsplatz: Schule
Charakteristika der Arbeitstätigkeit und Bedingungen der Berufssituation

  1. Die Lehrer-Schüler-Beziehung ist keine freiwillige, sondern eine ?erzwungene".
  2. Der Erfolg der Lehrerarbeit ist nicht allein von seinen Bemühungen als Einzelperson abhängig. Sie enthält somit eine Unsicherheit über seine Erfolge, wenig gesicherte Rückmeldungen
  3. Lehrer ist ein Beruf ohne Karriere und ohne Berufsgeheimnis! Jeder kennt diesen Beruf, der nicht über eine besondere Technologie verfügt.
  4. Die Qualität des Lehrers bemisst sich im Kern an der Qualität seines Unterrichts.
  5. Der Beruf ist gespickt mit Spannungsverhältnissen: Nähe/Distanz, Person/Sache, Einheitlichkeit/Differenz, Organisation/Interaktion, Autonomie/Heteronomie
  6. Das Image der Lehrer ist trotz wachsender Aufgaben und gesellschaftlicher Verantwortung immer noch problematisch, für die Lehrer selbst belastend. Aber zugleich wird die Berufsausübung auch als sehr schwierig eingestuft.

V. Dick, R., Stegmann, S.: Belastung, Beanspruchung und Stress im Lehrerberuf -
Theorien und Modelle

Das Paradox pädagogischen Handelns ist, dass etwas von außen verändert werden soll, was in letzter Konsequenz nur von innen verändert werden kann. Unterricht ist und bleibt ein kooperativer Prozess.

Krause, A., Dorsemagen, C., Ergebnisse der Lehererbelastungsforschung: Orientierung im Forschungsdschungel

  1. Ein Viertel der Lehrkräfte fühlt sich in Deutschland sehr gestresst! 80% der Schweizer Lehrer sind zufrieden. Generelle Zufriedenheit kann auch mit höherem Stresserleben einhergehen.
  2. Pensionsabsichten haben 9,8% der Lehrerschaft.
  3. Sucht- und Risikoverhalten ist bei Lehrern nicht erhöht.
  4. Folgende Kriterien sind für die hohe Lehrerbelastung maßgeblich:  
    - Autoritätsverluste und fehlende Wertschätzung
    - viele Anforderungen, wenig Anerkennung
    - Brennpunktschulen erzeugen höhere Belastungen als z.B. Gymnasien
    - Arbeitssituation an einzelner Schule für Belastung sehr entscheidend
    - hohe Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit bei Belastungsverarbeitung: unrealistische Ansprüche sind bester Prädikator von Stress (Schmitz/Leidl 1999), nicht dagegen besondere Begeisterung für den Beruf
  5. Problemorientierte Strategien konnten negative Belastungen von Lehrern eher reduzieren als emotionsorientierte
  6. Häufige emotionale Dissonanzen, besonders vorgetäuschte Emotionen, die den eigenen Wertvorstellungen widersprechen, haben negative Auswirkungen auf die Lehrergesundheit.
  7. Kritische Situationen für Lehrer ergeben sich besonders bei der Zusammenarbeit mit Schülern;
  8. Der Anteil der Lehrerwörter liegt zwischen 50% und 80% Redeanteil.
  9. Unterricht von Lehrern des Typs G wurde von den Schülern am positivsten beurteilt.
  10. Da Lehrer viele Beanspruchungsfolgen zeigen, müssen die strukturellen Bedingungen ebenfalls verbessert werden!

Schaarschmidt, U., Kieschke, U., Beanspruchungsmuster im Lehrerberuf
Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus der Potsdamer Lehrerstudie

  1. Inzwischen liegt die Untersuchung von mittlerweile 7600 Pädagogen mit AVEM hinsichtlich 11 Kriterien vor,
  2. Das Muster G hat überaus günstige Voraussetzungen für erfolgreichen Lehrer, Das Muster A ist oft hochgeschätzt wegen ihres Engagements, aber auf Dauer sind die Kraftreserven verbraucht, Beim Muster B ist kaum vorstellbar, dass das ein guter Lehrer ist, Muster S ist wegen des geringen Engagements wohl ein ernstes Hindernis für erfolgreiche Arbeit
  3. Die Muster haben hohe Gesundheitsrelevanz: A und B haben viele körperlich-funktionelle Beeinträchtigungen, B noch zusätzliche psychische Beschwerden
Schaarschmidts AVEM-Typen G - S - A - B mit Zuordnung der Lehrerschaft

4. Lehrer haben höchsten Anteil an Muster B gegenüber Vergleichsberufen aus Polizei,
    Strafvollzug, Berufsfeuerwehr und Pflegepersonal sowie Existenzgründer

Stressbewältigungsmuster im Berufsvergleich

5. Bei Frauen besteht ein höherer Anteil von Risikomustern und eine Verschlechterungstendenz
    über die Berufsjahre hinweg. Bei Referendaren gibt es bereits viele B und A (je 25%), aber
    auch S ist sehr hoch (ca. 30%)
6. Bei unterstützender Schulleitung und Kollegium sind weniger Beeinträchtigungen und weniger
    Krankentage zu verzeichnen.
7. Wiederholungsmessungen nach 3 Jahren in NRW, Bremen und Brandenburg: G nimmt weiter ab,
    Anwachsen von S; 25% vom Muster A wechseln zu B, aber auch 23% vom Muster S wechseln
    zu B (Arbeiten auf Sparflamme bringt langfristig keinen Nutzen), Muster B hat hohe Stabilität
    von vornherein
8. Höchste Belastungen ergeben sich durch Disziplinlosigkeit, Klassengröße und Stundenanzahl,
    die im Zusammenhang stehen.
9. Große Unterschiede ergeben sich von Schule zu Schule. Besonders günstig ist ein förderliches
    soziales Klima und kooperativer Führungsstil.
10. Problematisch ist, dass ein Viertel der Studienanfänger bereits Muster B aufweisen, das heißt
    geringes Selbstvertrauen. Deshalb sind hier Eingangstests sinnvoll. Stärken im
    sozial-kommunikativen Bereich erscheinen unbedingt notwendig.
11. Lehrer sollten früher professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Oft ergibt sich eine lange
    Leidensgeschichte, ohne dass Hilfe geholt oder erbeten wurde

Krause, A., Dorsemagen, C., Psychische Belastungen im Unterricht

  1. Unterrichtsstörungen, besonders in Kombination mit Zeitdruck und fehlenden Erholungspausen, ist bester Prädikator für Beanspruchungsfolgen und emotionaler Erschöpfung bei Lehrern
  2. Regulationshindernisse  sollten durch unabhängige Beobachter im Unterricht und per Video aufgezeichnet werden, um neue Erkenntnisse über Lehrerbelastung zu erhalten.
  3. Unterricht ist ein kooperativer Prozess! Nur Schüler können selbst Lernprozesse vollziehen. Das können Lehrer nicht unmittelbar beeinflussen.
  4. Gruppenunterricht brauchte mehr Zeitaufwand und im Durchschnitt mehr Regulationshinweise als Frontalunterricht.

Sosnowsky, N., Burnout - Kritische Diskussion eines vielseitigen Phänomens

  1. Nach Körner (2003) haben Lehrer im Vergleich mit 60 Berufen eines der höchsten Risiken.
  2. Zwei Drittel der Lehrer in Bayern fühlen sich stark, bzw. sehr stark belastet (67% der Lehrer und 58% der Lehrerinnen).
  3. Lehrer haben nach einer Krankenkassenuntersuchung die höchsten Krankenstände, dabei vor allem psychische Störungen.
  4. Unrealistische Erwartungen und unklare Ziele prädisponieren für Burnout, besonders bei fehlender Wertschätzung.
  5. Begeisterungsfähige Personen bleiben eher gesund!
  6. Lehrer möchten über Burnout auch auf die desolaten Arbeitsbedingungen aufmerksam machen.

Hillert, A., Psychische und psychosomatische Erkrankungen von Lehrerinnen und Lehrern, Konzepte, Diagnosen, Präventions- und Behandlungsansätze

  1. Lehrer mit guter sozialer Einbindung und Unterstützung durch Kollegium und Schulleitung erkranken deutlich weniger
  2. Die Daten von Schaarschmdit  zeigen keine tatsächlichen Belastungen im Lehrerberuf auf und können damit keine direkt bedingten Erkrankungsraten nachweisen
  3. Schaarschmidt misst eine relativ stabiles Persönlichkeitsmerkmal, das schon bei den Referendaren offenkundig ist.

Jehle, P, Schmitz, E., Innere Kündigung und vorzeitige Pensionierung von Lehrpersonen

  1. Innere Kündigung beinhaltet den reaktiven Versuch, dass man den von der anderen Seite nicht mehr erfüllten Arbeitsvertrag seinerseits aufkündet, indem man Dienst nach Vorschrift durchführt
  2. Innere Kündigung bei Lehrern: gut 11% bei 31 Dienstjahren, 8,7 % bei 11-20 Dienstjahren, 6,4% bei 6-10 Dienstjahren.
  3. Innere Kündigung und Burnout korrelieren hoch!
  4. Hintergründe der inneren Kündigung: Bewältigung zu vieler Veränderungen fällt schwer.
  5. Mit zunehmender Klassengröße nehmen subjektiv erlebte Belastung als auch die Tendenz zur inneren Kündigung zu!
  6. Über 70% beklagen Führungsstil der Schulleitung als Belastung, aber auch unzureichende Wertschätzung 59%. Besonders nicht-kooperativer Führungsstil führt zu innerer Kündigung.
  7. Bei nicht unterstützender Schulleitung kündigen 16,2 % innerlich, bei guter Unterstützung sind es nur 3,1%.
  8. Selbstwertbedrohung durch Schüler geben 48,3% an!
  9. Bei Lehrern mit innerer Kündigung haben 90% mehr psychosomatische Beschwerden als die nicht Gekündigten
  10. Dienstunfähigkeit in Hessen von Lehrern : krasses Missverhältnis der Dienstunfähigkeit und des regulären Endes
  11. starkes Übergewicht der psychiatrischen Krankheiten bei Lehrern mit 36,2% gegenüber den anderen Angestellten mit 23,7%
  12. Prävention: Betriebsklima des Vertrauens wichtig und das Training von kommunikativen Kompetenzen entscheidend.

Gehrmann, A., Zufriedenheit trotz beruflicher Beanspruchungen?
Anmerkungen zu den Befunden der Lehrerbelastung

  1. Jährlich gibt es 35000 Lehrerstudenten, davon machen aber nur 25000 den Abschluss.
  2. Größte Zufriedenheit der Lehrer ergibt sich auf der Grundlage befriedigender zwischenmenschlicher Beziehungen.
  3. 63,3% sind mit der derzeitigen Situation sehr bzw. durchaus zufrieden ( in allen Altersgruppen etwa das gleiche Ergebnis, kaum Umstiege in andere Gruppen, 30% Risikoanteile, problematisch eher die Alleinstehenden, weniger die die familiär gebundenen)
  4. Die Regelaltersgrenze von 59 Jahren hat sich im Jahr 2000 auf 62 Jahre im Jahr 2005 normalisiert im Vergleich zu anderen Beamtengruppen.
  5. Die Krankentage bei Lehrern sind nicht höher. Es sind keine höheren gesundheitlichen Beeinträchtigungen feststellbar.
  6. Die Zufriedenheitserlebnisse betreffen besonders die Zusammenarbeit in der Schule, die gute Selbstorganisation und Lehrer-Schüler-Beziehungen

Sieland, B., Wie gehen Lehrkräfte mit Belastungen um?
Belastungsregulierung zwischen Erholungsbedarf und Änderungsresistenz

  1. Für den Lehrerberuf gibt es keine verbindliche Arbeitsanalyse noch ein vereinbartes Anforderungsprofil.
  2. Bildungscontrolling läuft bisher nur über den Lehrer selbst mit den bekannten blinden Flecken
  3. Lehrer suchen zu spät Hilfe bei Stressbelastungen. Besonders gefährdet sind Leute mit unerreichbaren Idealen. Sie gönnen sich zu wenige Ruhepausen.
  4. Empfohlen werden ?kritische Freunde" für regelmäßige Weiterentwicklung. Außerdem sind Trainings in Misserfolgsverarbeitung für Lehrer wichtig.
  5. Eine Veränderungen im Lebensstil und Auseinandersetzung mit blinden Flecken sowie mit unrealistischen Anspruchsniveaus sind für wirksame Veränderungen notwendig.
  6. Sieland verweist auf virtuelle Lernpartnerschaften und Beratungen für Lehrer hin.

Dorsemagen, C., Lacroix, P., Krause, A., Arbeitszeit an Schulen: Welches Modell passt in unsere Zeit?  Kriterien zur Gestaltung schulischer Arbeitsbedingungen

  1. 40% ist der Unterrichtsanteil an der Gesamtarbeitszeit des Lehrers.
  2. Der Zusammenhang zwischen rein zeitlicher Belastung und psychischer Beanspruchung ist gering.
  3. Zeitdruck sorgt auch im Lehrerberuf für Befindungsbeeinträchtigungen.
  4. Die fünf wichtigsten Forderungen an Arbeitszeitgestaltung sind: Pädagogische Qualität, Arbeitszeitgerechtigkeit, gutes Sozialklima, Kommunikation und Kooperation und Begrenzung der Arbeitszeit
  5. Mehr Kooperationszeiten und Fächerdifferenzierung erhielten größte Zustimmung.
  6. Bei Neuordnung der Arbeitszeit ist die Angst vor Einsparung und Verschlechterung besonders große. Deshalb sind viele Lehrer eher für die alte Regelung.

Rothland, M., Soziale Unterstützung, Bedeutung und Bedingungen im Berufsalltag von Lehrerinnen und Lehrern

  1. Größe des Netzwerks sind nicht entscheidend, wohl aber die Qualität.
  2. Wichtig ist die subjektive Wahrnehmung von sozialer Unterstützung in potentiellen Problemsituationen, dabei auch indirekte Wirkung und das aktive Einholen der Hilfe
  3. Anfälliger für Burnout sind die Kollegen, die Unterstützung bräuchten, aber diese nicht aktiv einholten aufgrund zu geringen Selbstvertrauens (Risikomuster B)
  4. Geringere Beschwerden ergeben sich bei sozial gut unterstützten Lehrern, dabei sowohl Unterstützung in Schule, durch Schüler und im Privatbereich wichtig.
  5. Die soziale Unterstützung im Kollegium und durch die Schulleitung kann daher als einer der bedeutendsten gesundheitsrelevanten Faktoren im Lehrerberuf identifiziert werden.
  6. Jeder 4. Kollege fühlt sich in schulischen Problemen allein gelassen! Erfolge und Misserfolge werden als Ergebnis der Persönlichkeit und der Qualifikation wahrgenommen.
  7. Die strukturelle Bedingungen an Schulen begünstigen keinen regen sozial-interaktiven Austausch.
  8. Folgende Niveaustufen der Kooperation finden sich an deutschen Schulen: 53% Differenzierung, 22% Kooperation, 13% Interaktion, 2% Integration

Lehr, D., Sosnowsky, N., Hillert, A., Stressbezogene Interventionen zur Prävention von psychischen Störungen im Lehrerberuf

  1. Der freundlicher Umgang mit Schülern und deren Anerkennung ist wichtiges Motiv der Berufswahl.
  2. Rückzugsverhalten, Isolation führt längerfristig zur Auszehrung der Ressourcen im Burnoutprozess!
  3. 10% der gesundheitlichen Unterschiede können durch Schulzugehörigkeit erklärt werden.
  4. Es sind deutliche Effekte von Stressbewältigungstrainings zu erwarten
  5. Das Training AGIL setzt bei persönlichen Problemsituationen und der Erweiterung der Ressourcen an.
  6. Zur Stressbewältigung ist der Abbau von Barrieren wichtig: Mengenbarriere (Ich habe noch so viel zu tun.), Erlaubnisbarriere (Mir steht Erholung nicht zu!), Erschöpfungsbarriere (Ich bin zu erschöpft für erholsame Aktivitäten!), Grübelbarriere (Ich bekomme die Gedanken an die Arbeit nicht aus dem Kopf!), Achtsamkeitsbarriere (Ich bemerke zu spät, wie erholungsbedürftig ich bin!)

Storch, M., Krause, F., Küttel, Y., Ressoucenorientiertes Selbstmanagement für Lehrkräfte
Das Züricher Ressourcen Modell ZRM

  1. Das ZRM beinhaltet die Erarbeitung eigener Motivierbarkeit über somatische Marker, Veränderung der Gehirnaktivität über Erinnerungshilfen (Priming) und Erarbeitung individuell passender Körperhaltungen (Embodiment), Aufbau von Ressourcen für Drucksituationen.
  2. Die Bedrohung des Sozialen Selbst ist für Stressentstehung zentral. Deshalb muss dort angesetzt werden.
  3. Wahrnehmung der eigenen Bedürftigkeiten in Stresssituationen, geht bei pflichtbewussten Menschen schnell verloren
  4. Das Erkennen von Warnsignalen und der Einbau von Stoppsignalen ist wichtig.