A) Thesen und Zahlen

1. Ein Drittel der deutschen Lehrerschaft ist ausgebrannt und resigniert, zwei Drittel fühlen sich stark beansprucht, sind unzufrieden bzw. überfordert!

  • mehr als 1/4 Lehrer/innen der Berliner Schule sind häufig oder dauerhaft überlastet (Hübner 95), 42,5% der Vollzeitlehrer fühlen sich stark belastet (Schönwälder 93)
  • Nach Wehr (1993) sind 55.000 Lehrer, d.h. 10%,  von der Endphase des Burn-outs betroffen.
  • Inzwischen schreibt Schaarschmidt (2000), dass sich 32% der Lehrer in Brandenburg, 28% in Berlin, 36% in Bremen und 35% in Niedersachsen über alle Altersstufen hinweg als ausgebrannt empfinden.
    Rund ein weiteres Drittel (Risikotyp) arbeitet überengagiert, ist sehr auf die Arbeit bezogen ohne entsprechende Erfolge und ist damit stark gefährdet ebenfalls auszubrennen.
    Nur etwa 15% sind als gesund zu bezeichnen. Das restliche Viertel arbeitet wenig engagiert, hat aber durchaus ein gutes Lebensgefühl (Schonungstyp).
  • 67% der Lehrer und 58% der Lehrerinnen fühlen sich in Oberbayern stark oder sehr stark belastet; 20% bzw. 22% als ausgebrannt (Hillert 2006).

2. Lehrer werden deutlich früher pensioniert als andere Beamte!

  • Ca. 60% der Lehrer scheiden vorzeitig aus (Bremen), aber nur 36% der übrigen Landesbeamten, ca. 30% im Justizvollzug, 26% bei der Polizei (Kretschmann 2000). Hamburg pensioniert Lehrer durchschnittlich mit 51 Jahren, Baden-Württemberg mit 54 Jahren. In Niedersachsen erreichte nur eine von 10 Lehrkräften im Durchschnitt die gesetzliche Altersgrenze (Szymanek).
  • Zwischen 1993 und 2001 waren es deutschlandweit sogar weniger als 10%, die die Regelaltersgrenze von 65 Jahren erreicht haben (Weber 2004).
  • 2005 gehen fast 75% der verbeamteten Lehrer frühzeitig in Pension (laut Statistischem Bundesamt).

3. Als Überlastungsfolge neigen Lehrer zwecks Selbstschutz zu innerer Kündigung

  • 11,1% der Lehrer mit einer Dienstzeit über 30 Jahren haben innerlich gekündigt, machen Dienst nach Vorschrift; nach 11-20 Jahren sind es bereits 8,7% (Jehle/Schmitz 2007).
  • Von mehr als 800 Lehrpersonen würden 17,5% kündigen, wenn sie könnten - bei 240 Schulleitern sind es nur 3,8% (Jehle/Schmitz 2007).
  • Knapp 60% der Lehrer würde gern bei ähnlichen Verdienstbedingungen sofort den Beruf wechseln oder vorzeitig in den Ruhestand gehen; nur 1,6% würde gern über die gesetzliche Altersgrenze hinaus weiterarbeiten (Terhardt 97).

4. Ein Drittel der Lehrer leidet unter ständigen psychosomatischen Beschwerden.

  • Der Krankenstand beträgt bei Lehrern ca. 10%; sie halten den 2. Rangplatz bezüglich des Infarktrisikos unter verschiedensten Berufen; ihr Erkrankungsrisiko für Neurosen ist 6x höher als bei der Gesamtbevölkerung.

B) Ursachen und Hintergründe

Stress ist eine bewertete und damit individuell empfundene Diskrepanz zwischen Anforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten. Demzufolge lassen sich keine einfachen und eindeutigen Zusammenhänge zwischen Belastungsfaktoren und Burnout herstellen, sondern es bestehen jeweils ganz spezifische, multifaktorielle und oft schleichende Prozesse der Überforderung.
Dennoch lassen sich einige Belastungsschwerpunkte für den heutigen Lehrerberuf ausmachen, die hier thesenartig zusammengestellt sind:

1. Drei Viertel der Lehrer fühlen sich besonders belastet durch zunehmende Motivations-, Verhaltens- und Gewaltprobleme in der heutigen Schülerschaft.

  • Die Überflussgesellschaft mit ihrer geringen Regelhaftigkeit und der stärkeren Delegation der Erziehungsarbeit an die Schule verlangt von den Lehrern von heute immer mehr Einsatz auf der Disziplin- und Beziehungsebene bei allgemein geringerem Autoritätsbewusstsein.

2. Die Anerkennung des Lehrers ist gesellschaftlich ausgesprochen niedrig, entspricht weder seinem Einsatz noch seinem Ausbildungsstand.

  • Laut Allensbach-Institut liegen Ärzte in der allgemeinen Anerkennung bei 75%, Rechtsanwälte bei 37%, Schriftsteller bei 24% und Studienräte bei nur 14%. 71% der Lehrer belastet dieses schlechte Berufsimage erheblich und ihre "Sandwichposition" inmitten der Kritik von Schulleitungen, Eltern und den Schülern. (Gerwing 94, Kretschmann 00). Hinzu kommen nur geringe Aufstiegschancen. Die fehlenden positiven Rückmeldungen, die 51% der Lehrer beklagen (Gerwing 94), können eine Schwächung des Selbstbildes begünstigen und führen als Kompensation vielfach zu verstärktem Engagement mit dem Risiko weiteren Kräfteverlustes.

3. Die Erhöhung der Lehrerarbeitszeit sowie die Einschränkungen im pädagogischen und materiellen Bereich verstärken die Belastung des Lehrers erheblich.

  • Gymnasiallehrer beispielsweise arbeiten jährlich 1953 Stunden, der öffentliche Dienst nur 1754 Stunden im Durchschnitt. Die Arbeitszeitbelastung der meisten Lehrer liegt trotz Ferienabzug weit über denen normaler Arbeitnehmer (zwischen 46 - 53 Arbeitswochenstunden). Teilzeitkräfte arbeiten deutlich über ihre eigentliche Verpflichtung hinaus, etwa 150%. Erhöhungen der Stundenbudjets, häufige Zusatzverpflichtungen (Vertretungen), Erhöhungen der Klassenfrequenzen sowie räumliche und materielle Verschlechterungen haben demotivierende Wirkungen auf Lehrer.

4. Der Lehrer fühlt sich als Einzelkämpfer. Er leidet unter einem eingeschränkten Handlungsspielraum und der oftmals nicht befriedigenden Kooperation mit Schulleitung und Kollegen.

  • Da es wenig institutionalisierte Team- und Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb des Schulrahmens gibt, fühlen sich Lehrer mit ihren Problemen oft alleingelassen. Hilfsangebote wie Supervision, Einzelfallhilfe, begleitende Sozialarbeit oder psychologische Unterstützung sowie integrierte Fortbildungen werden vielerorts nicht ausreichend angeboten. In einer Untersuchung von Rudow (1994) führen Unzufriedenheiten mit der Schulleitung bzw. Kollegenkonflikte zu höchsten Belastungsempfindungen im Lehrerberuf.

5. Die Unterrichtsbelastungen mit rund 15 Konflikten und 200 Einzelentscheidungen pro Stunde und damit vielen Störungen setzen höchste Belastungswerte, vergleichbar mit Fluglotsen, Führerscheinprüflingen und Formel-I-Rennfahrern.

  • Ähnlich einer "Gefechtsneurose" arbeiten die Organe der Lehrer an einem Unterrichtsvormittag auf Hochtouren mit einer fast pausenlosen Aktivierung von Puls, Blutdruck und Stresshormonen. Die erhöhten Blutdruck- und Stresshormonwerte (bis über das achtfache des Normalwertes) halten noch bis in den Nachmittag hinein an (Wehr 96). Der Großteil der Lehrer (57%) fühlt sich nach einem Schultag verbreitet ohne wirkliche Pausenmöglichkeiten für sich selbst und persönliche Bedürfnisse (Toilettengang, Essen) total erschöpft. Das gleichzeitige Halten von externaler (auf die Schüler gerichtet) und von internaler Konzentration (auf den Unterrichtsgang) wird als zusätzlich sehr belastend erlebt. Auch der permanente Zeitdruck durch den schnellen Wechsel der Räume und Lerngruppen samt Materialien sowie die z.T. hohen Lärmbelastungen in Pausen und Turnhallen (gehen mit 90 dB teilweise über die Grenzwerte des Arbeitsschutzes) werden vor allem mit zunehmendem Alter als immer schwieriger zu bewältigen erlebt.

6. Der Lehrer pendelt täglich mindestens zwischen zwei Arbeitsplätzen hin und her, wobei der häusliche Arbeitsbereich in Konkurrenz zu privaten und freizeitlichen Bedürfnissen selbst organisiert werden muss.

  • Neben dem Hin- und Herbewegen von Materialien fällt oft das "Erkämpfen" notwendiger und vor allem störungsfreier Arbeitszeiten im "Anspruchsdschungel" von Familie, Haushalt, Freizeitinteressen usw. recht schwer.

7. Der Lehrerberuf gilt als semiprofessionell ähnlich einem Pfarrer oder einer Krankenschwester, für die hohe, ideell betonte Berufserwartungen gelten, die für viele Lehrer Grundlage ihrer Arbeit sind.

  • Der Lehrerberuf ist mit einigen unrealistischen Rollenerwartungen verbunden, denen sich viele Kollegen intensivst verpflichtet fühlen. Demzufolge geben 84% hohe Berufserwartungen mit großer eigener Leistungsbereitschaft an mit Hang zum Perfektionismus (Nord-Rüdiger 93, Bruns 94). Allen voran steht das "Helfersyndrom", dass man jederzeit für die Schule einsatzbereit sein sollte, gefolgt von dem Loyalitätsanspruch, alle stets gleich und immer kontrolliert zu behandeln. Aber auch der Dominanzanspruch, alles stets im Griff zu haben, und der Überlegenheitsanspruch für die verschiedensten Fachgebiete und pädagogische Fragen spielen eine große Rolle. Viele Lehrer werden, zunächst erfüllt von pädagogischen Idealen und Veränderungswünschen, durch die Schulrealität schnell desillusioniert, was den Verschleiß fördert.

8. Der Lehrerberuf beinhaltet grundsätzliche Widersprüche, Generationskonflikte und viele Reparaturerwartungen von außen.

  • Widersprüchliche und teilweise unterschiedlich interpretierte Rollenerwartungen z.B. zwischen der notwendigen Selektionsfunktion (Notengebung, Sitzenbleiben) und der Entwicklungsfunktion (individuelle Förderung) gehören genauso wie das ständige Ausbalancieren zwischen Nähe (Eingehen auf Schülerprobleme) und angemessener Distanz (Disziplinieren, Erziehen) zu den belastenden Grundfragen des Lehrerberufs. Neben dem Aushalten und Führen von Grundsatzkonflikten zwischen den Genrationen, die z.T. von den Eltern an die Schule delegiert werden, belasten viele zusätzliche Bildungs- und Reparaturansprüche (Ausländerintegration, Umwelterziehung, Drogenprophylaxe, Frühenglisch, Behindertenintegration) ohne ausreichende Ausbildung und Begleitung das Lehrerdasein von heute. 84% geben hohe Erwartungen von außen, besonders die der Eltern mit rechtlichen Konsequenzen, als belastend an (Pieren/Schärer 94, Straßmeier 95).

9. Trotz der hohen Belastungsempfindungen geben zwei Drittel der Lehrer eine recht hohe Arbeitszufriedenheit an, die lange die tatsächlichen Belastungswirkungen überdecken kann.

  • Trotz der hohen Berufsbelastungen ist die Berufsfreude bei vielen erstaunlich hoch, besonders bei Grundschullehrern (bei 69% nach Terhardt 96). Nur 5% haben gar keine Freude und immerhin würde ein Viertel der Lehrer wieder diesen Beruf ergreifen.

10. Kenntnisse und Möglichkeiten einer ökonomischen und professionellen Berufsausübung und eines systematischen Stress- und Konfliktmanagements sind in den Ausbildungs- und Fortbildungsangeboten für den Lehrer kaum gängig.

  • Die fachwissenschaftliche Ausbildung ist überbetont. Dringend erforderliche Kenntnisse eines lehrerspezifischen Beziehungs-, Konflikt-, Stress- und Zeitmanagements sind bisher kaum systematisch entwickelt bzw. geschult worden.

C) Imageproblem und eigene Rollendefinition

Lehrer rangieren auf hinteren Plätzen der Imageskala:

  • Ärzte liegen bei 75%, Rechtsanwälte bei 37%, Schriftsteller bei 24%, Studienräte 14% (Allensbach 2001)
  • Mögliche Ursachen:

    Ferienneid, zeitliche Freiheiten (halbtags), Sicherheiten, Machtmöglichkeiten, alte "Wunden" / schlechte Eigenerfahrungen

Lehrer leiden unter Anerkennungsproblem:

  • 71% empfinden schlechtes Image als belastend, über 50% beklagen insgesamt schlechtes Feedback und viel Kritik ("Sandwichposition")

Rollenfindung durch päd. Widersprüchlichkeiten und Werteunklarheiten für Lehrer erschwert

Eigene Rollendefiniton entsprechend eigener Ziele/Visionen wichtig:

  • Entscheidung auf Verhaltenskontinuum zwischen Nähe/Distanz, Offenheit/Strukturiertheit, Strenge/Nachgiebigkeit, Sozialbezug/Fachbezug nötig.

Selbststärkung der Lehrerrolle:

  • über selbstgewähltes Engagement, Teamunterstützung und regelmäßigen Eigenaufbau suchen